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Als die Tierberger Fehde zwischen den Grafen von Hohenlohe und den Rittern von Stetten von 1475 und 1495 ausgetragen wurde, haben die gräflich-hohenlohischen Schreiber laufend den die Fehde betreffenden Schriftwechsel abgeschrieben und ihre Handschriften gesammelt.
Das waren damals die einzigen schriftlichen Aufzeichnungen aus dem Fehdegeschehen, denn die des Lesens und Schreibens nicht kundigen Grafen, Ritter oder Fehdekämpfer konnten selbst keine Notizen darüber verfassen, was sie gerade taten oder erlebten.
Andererseits gehörte der Schriftwechsel, den die Fehdegegner mit einander oder mit den Mächtigen der Zeit führten, zu einem wesentlichen Bestandteil jeder mittelalterlichen Fehde.
Diese Sammlung zeitgenössischer Handschriften über eine mittelalterliche Fehde stellt eine Seltenheit dar. Sie befindet sich im Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein. In zwei Bänden mit mehr als 1000 Seiten. sind die Handschriften zusammengefasst.



 
 

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Der Verfasser hat alle Informationen über die Burg vom Beginn um 1230 bis zum heutigen Wissenstand gesammelt und chronologisch erfasst und wiedergegeben.
Diese Sammlung umfasst bisher fast 1500 Seiten, ist aber noch nicht vollständig. Es ist bis jetzt nicht beabsichtigt, sie als Buch zu verlegen und zu veröffentlichen. Sie steht jedoch für weitere Forschungen zur Verfügung.



 

Die alten Handschriften des Hohenlohe-Zentralarchivs über die Tierberger Fehde wurden in diesem Buch erstmals vollständig entziffert, ausgewertet und rechtshistorisch beurteilt. Führende Historiker haben es als »hoch willkommen« begrüßt, dass damit aus seltenen Urkunden einmal der genaue Ablauf einer solchen Fehde dargestellt wurde.
Die ersten 28 Abschnitten des Buches enthalten diesen Bericht über die Entstehung der Auseinandersetzung und über zahlreiche, teils heftig, teils listig durchgeführte Streitaktionen, die zuweilen fehderechtlich korrekt, oft aber unter Missbrauch des Fehderechts auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wurden.
Das Ende der Fehde war lange Zeit unbekannt. Heute weiss man, dass es eingebettet war in einen historischen Skandal, der in den Abschnitten 29 bis 48 des Buches im Einzelnen geschildert und erstmals offengelegt wird. Dadurch wurde diese kleine Fehde für einen kurzen Augenblick zu einem Teil der großen deutschen Geschichte. Doch die mittelalterlichen Akteure verheimlichten dies so geschickt, dass in den nachfolgenden fünf Jahrhunderten der Nachwelt folgendes Geschehen verborgen blieb:
Es geschah, als im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation der berühmte Streit um die Reichsreform schwebte. Unter der Führung des Kurfürsten Henneberg Erzbischofs von Mainz kämpften die Fürsten gegen Kaiser Friedrich III, um eine unparteiische, vom Kaiser unabhängige Rechtsprechung und um ein Ende der zahlreichen Fehden zu erreichen. Auf dem Wormser Reichstag von 1495 konnten die Fürsten diese Ziele weitgehend durchsetzen und den »Ewige Landfrieden« ausrufen, was bekanntlich das Ende des Mittelalters und der Beginn unserer Neuzeit bedeutete.
Während dieses großen Kampfes der Fürsten gegen den Kaiser führten die Grafen von Hohenlohe wegen der kleinen Burg Tierberg ihre Fehde mit ihren Vasallen, den Rittern von Stetten. Als nach 13 Jahren der Fehde die Grafen von Hohenlohe mit ihren Kriegsknechten die Stammburg Stetten militärisch angriffen, die halbe Burg schon eroberten und vom Burggraben aus ins Burginnere hinein schossen, da erschienen überraschend vor der belagerten Burg Stetten höchst persönlich zu Pferde und mit ihren Streitkräften von etwa 3000 Mann die vier mächtigsten süddeutschen Landesfürsten: jener Mainzer Erzbischof Kurfürst Henneberg, ferner der Pfalzgraf, Bayernherzog und Kurfürst Philipp sowie der Markgraf Friedrich von Brandenburg-Ansbach und der Graf Eberhard im Barte von Württemberg.
Gegenüber dieser fürstlichen Übermacht wurden plötzlich die im Burggraben zu Stetten sitzenden hohenlohischen Belagerer selbst zu Belagerten, die aus ihrer Falle nicht mehr entweichen konnten.
Die Fürsten machten nun kurzerhand dem Spuk ein Ende. Sie beschlagnahmten die Burg Stetten, diktierten den Streitparteien Hohenlohe und Stetten einen Waffenstillstand, bildeten in Schwäbisch Hall ein Gericht aus 12 ihrer fürstlichen Räte und zwangen die beiden, ihren Streit um Tierberg dort auszutragen.
Doch Hohenlohe und Stetten wollten diesen aufgedrängten Prozess vor dem fürstlichen Sondergericht nicht führen. Während die Ritter von Stetten sich bald vor dem Gericht beugten, versuchten die Grafen von Hohenlohe, das Verfahren raffiniert zu boykottieren. Sie benutzten ihre persönlichen Beziehungen zum Kaiser und ließen sich von ihm ein Dokument ausstellen, durch das den Fürsten strengstens und mit kaiserlicher Machtvollkommenheit verboten wurde, den bereits begonnenen Prozess durch ihre Räte fortzusetzen oder gar ein Urteil fällen zu lassen.
Aber dieser Eingriff des Kaisers in einen schwebenden Prozess und sein parteiischer Einsatz für die Partei Hohenlohe waren eine provozierende Demonstration des Kaisers gegen die Fürsten und ihre Reichsreform. Das konnten sich die Fürsten nicht gefallen lassen. Aber andererseits durften und wollten sie auch nicht die Autorität des Kaisers durch eine offizielle Missachtung des kaiserlichen Verbotes untergraben. Stattdessen ließen sie durch ihre als Richter fungierenden Räte mit einer schlauen List das kaiserliche Verbot unwirksam machen. Mit einer faustdicken Lüge täuschten sie den Kaiser und seine Schützlinge, die Grafen von Hohenlohe, mit der Folge, dass das verbotene Urteil trotzdem erlassen, verkündet und in einem 17 Seiten langen Dokument verfasst werden konnte.
Der Kaiser und die Hohenloher Grafen reagierten heftig. Keinen Erfolg hatte dabei der Kaiser mit fünf kaiserlichen Protestschreiben und Gegenmaßnahmen. Erfolgreich dagegen waren die Grafen und dies über fünf Jahrhunderte hinweg. Sie ließen die Urteilsschrift in ihren Prozessakten vernichten, so als ob das Verfahren ohne Urteil geendet hätte. Doch einer ihrer Schreiber hinterließ heimlich für die Nachwelt einen verschlüsselten Hinweis auf die Existenz des Gerichtsurteils, was erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts entdeckt, jedoch nicht entschlüsselt werden konnte. So rätselten seither die Historiker darüber, wie denn die Tierberger Fehde so sang- und klanglos zu Ende gehen konnte. Erst jetzt wurde das Rätsel gelöst und ist erstmals in diesem Buch veröffentlicht.



 
 

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Eberhard Bechstein: Die Tierberger Fehde
Böhlau Verlag Köln / Weimar / Wien 2004
262 Seiten, 36 farbige Abb., geb. mit SU, € 29,90
ISBN 3-412-15903-4
Weitere Informationen unter www.boehlau.de

Seit 1913 gelangte die Burg Tierberg unter dem Pseudonym »Schloss Schweigen« zu literarischer Berühmtheit.
Die Frau des fürstlich-hohenlohischen Hofpredigers und Langenburger Dekans, Agnes Günther (1863–1911), hatte eine Vorliebe für Geistergeschichten und verfügte über eine außerordentlich rege Phantasie. Es bewegte sie deshalb heftigst, als ihr Mann, der Dekan, eines Tages alte Dokumente über einen Strafprozess aufstöberte, bei welchem 1750 oder 1672 die Frau des Müllers von Hürden bei Bächlingen als Hexe angeklagt, im Verlies des Langenburger Schlosses gefoltert, zum Tode durch das Feuer verurteilt und, wie es im frommen Kirchenbuch heißt, »am Stock stranguliert und zu Asche verbrannt« wurde.
Agnes Günther dichtete daraus ein Drama mit dem Titel »Die Hexe, die eine Heilige war«. Die heilige Hexe nannte sie darin »Gisela«. Als sie dann einmal die Burg Tierberg besuchte, will sie »plötzlich geradezu körperlich die Vision der Gisela« erlebt haben. Das weckte in ihr den unwiderstehlichen Drang, ihre weiteren Geisterempfindungen zu Papier zu bringen.
Nach ihrem Tode hat der verwitwete Dekan 1913 aus den Manuskripten beim Stuttgarter Steinkopfverlag das Buch »Die Heilige und ihr Narr« herausgegeben. Es wurde einer der großen deutschen Bestseller, denn fast alle jungen Mädchen der damaligen Generation haben die Geschichte des Grafen Harro mit seinem »Seelchen«, der Prinzessin Rosemarie, verschlungen und unter Tränen nachempfunden. Bis zu Agnes Günthers 100. Geburtstag 1963 waren es 147 Auflagen mit Millionen Exemplaren, die gedruckt und in 17 Sprachen übersetzt worden waren.
Noch jahrzehntelang war die Burg Tierberg, alias »Schloss Schweigen«, Wallfahrtsort für die inzwischen alt gewordenen romantischen Backfische. Für eine Mark Eintritt durften sie dort im sog. »Seelchenzimmer« nochmals ihre jugendlichen Gefühle und das gespenstische »blaue Männchen« suchen. Im Jahre 1961 sollen es mehr als 3000 solcher Besucher gewesen sein.


 
 

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Agnes Günther
 
         
 
 
 
   
 
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